Beiträge von aphh

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    Somit ist mein ABBA-Song des Tages: Disillusion - der für mich herausragendste Song aus dem Album "Ring Ring".


    Eigentlich passt dieser Song gar nicht auf das Album, da er wesentlich anspruchsvoller als die restlichen Songs ist, ...

    Ähnlich geht es mir auch - wenn ich nicht wüsste, dass dieser Titel aus dem Debutalbum ist, würde ich ihn zeitlich eher in der "Spätzeit" von ABBA lokalisieren.

    Es gibt ja so einen Spruch in der Spoken Word Literatur: "Bei einem Poetry Slam gewinnt nie der beste Text".
    Beim ESC gilt dies aber genau so - Klar, die Ukraine hätte in wohl keinem Jahr bis 2021 mit diesem Titel gewonnen, aber: So what?
    Gewinnerlied ist immer das Lied, das unter ganz spezifischen, nur an einem bestimmten Tag (nämlich dem des Wettbewerbs) gegebenen Bedingungen am besten ankommt - aus welchen Gründen auch immer.

    Nehmen wir also den Wettbewerbsaspekt doch bitte nicht zu ernst (Kunst lässt sich nun mal nicht objektiv bewerten), gönnen wir der Ukraine ihren Sieg, aber küren für uns selbst auf jeden Fall den Sieger/die Siegerin der Herzen!

    Ist dies bei euch auch ähnlich gelagert?

    Bei mir: Auf jeden Fall! - ich brauche irgendwann ein wenig Abwechselung - das heißt aber auch bei mir keinesfalls, dass ich mich bezüglich Voyage "überhört" habe.

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    Ich selbst kenne persönlich eine russische Tischtennis-Spielerin der erweiterten Weltklasse (sie steht in den Top-100 der Weltrangliste), die schon länger nicht mehr in Russland wohnt und wirklich keine Sympathien für Putin und alles, was er tut, hat......Aber sie kann inzwischen ihren Beruf als Profisportlerin nicht mehr ausüben, weil sie als gebürtige Russin aufgrund des Krieges weltweit gesperrt ist. Sie hat dadurch nicht nur exorbitante finanzielle Nachteile, sondern ihr wird momentan völlig schuldlos auch ihre Lebensgrundlage entzogen. Ahnlich geht es einigen russischen Theaterschaupieler/-innen, die ob ihrer Staatsangehörigkeit angefeindet werden und denen ihre Engagements gekündigt wurden.......
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    Das ist in der Tat extrem ungerecht - es trifft eben "Gerechte und Ungerechte" - wie immer!
    Und die ganze Sache nicht nur schwarz-weiß zu sehen, dürfte schon der richtige Ansatz sein - schon in eigenem Interesse: In den letzten Wochen ist nämlich in einigen Artikeln von einem starken Brain Drain aus Russland die Rede, viele gut ausgebildete IT-Kräfte (die allesamt sehr regimekritisch sind) haben nämlich ihr Land verlassen (und tun es noch, solange es noch geht) und sollten im Westen eigentlich gut aufgenommen werden.

    Allerdings bitte ich folgendes zu bedenken:
    Die meisten Bewohner*innen der Ukraine sind täglich in Lebensgefahr, und es werden ihnen systematisch die Lebensgrundlagen weggebombt.
    Unter dieser Bedrohung leiden die Bewohner*innen Russlands nicht - sie sind im Grunde vollkommen sicher, denn es ist m.E absolut ausgeschlossen, dass ihre Städte bombardiert werden. Gut, auch sie leiden wirtschaftliche Not, aber gegenüber den Leiden der ukrainischen Bevölkerung sind dies doch vergleichsweise geringe Unannehmlichkeiten (ohne sie jetzt kleinreden zu wollen).
    Aufgrund dieser Asymmetrie (zumal ja auch die Ukraine nicht der Angreifer ist und offensichtlich eine Mehrheit (auch wenn man den Umfragen natürlich nicht zu 100 Prozent trauen kann) in Hurra-Patriotismus macht) möge man es mir nachsehen, dass sich mein Mitgefühl gegenüber Russland insgesamt im Gegensatz zu dem gegenüber der Ukraine in Grenzen hält.

    Das gilt natürlich nicht für die Putin-Gegner, die es in Russland durchaus noch gibt - vor denen ziehe ich den Hut (denn ich hätte, wenn ich an deren Stelle wäre, diesen unfassbaren Mut nicht!), denn diese müssen wirlich das Schlimmste für sich befürchten ...

    Hier eine Analyse, warum ABBA (m.E. völlig unverdientermaßen) keinen Grammy erhalten hat - wie so oft von Bobbys Brother: ABBA Voyage News – Grammy Awards, ABBA Reunion, New Releases + Agnetha's 72nd Birthday! .
    Aber immerhin:
    - ABBA war das erste Mal überhaupt nominiert!
    - Benny meint, dass noch nie ein ABBA-Album so gute Reviews erhalten hat
    - Es gab zahlreiche Charts-Spitzenplatzierungen

    Schönster Satz: (Dass ABBA grammylos geblieben ist) - "it ´s not ABBAs loss - it is the loss of the awards..." Recht hat er!

    Einige kritische Worte zu Universals Publikationspolitik gibt es auch, und vor allem: Ganz am Anfang stehen Geburtstagsglückwünsche an Agnetha!

    Die Schwierigkeit, ihre eigenen Lieder zu definieren, besteht darin, dass sie bei vielen Liedern "nur" die Melodie (zumindest bezüglich der Copyright-Vermerke), bei einigen Text und Musik, aber bei einigen wiederum den Text verfasst hat.

    Ich habe mal eine kleine diesbezügliche Statistik erstellt (beruhend auf den Angaben der wikipedia, keine Garantie für die Richtigkeit):


    Album Songs Text+M Text Mus. Prod.
    Agnetha Fältskog (1) (1968) 12 3 8 - -
    Bonus 3 1 1 - -
    Agnetha Fältskog (2) (1969) 12 1 3 1 -
    Bonus 3 - - - -
    Som jäg är (1970) 12 2 4 - -
    När en vacker tanke blir en sång (1971) 12 6 - 5 -
    Jesus Christ Superstar (1972) - - - - -
    Elva kvinnor i ett hus (1975) 11 - - 10 1
    Nu tändäs tusen julejus (1981) 11 - - 10 -
    Kom följ med i vår karusell (1987) 12 - - - 1
    Wrap your Arms around me (1983) 12 - - 1 -
    Bonus 5 - - - -
    Eyes of a women (1985) 11 - - 0 -
    Bonus 5 - - 2 -
    I stand alone (1987) - - - - -
    My Coloring book (2004) - - - - 1
    A (2013) - - - 1 -
    I´m still alive (ABBA:Wembley) - - - 1 -
    Disillusion (ABBA: Ring Ring) - - - 1 -
    - - - - -
    Summe 121 13 16 32 3

    Wenn man "nur Musik" und "Text und Musik" addiert, kommt man immerhin auf eine Summe von 32+13=45 Lieder (bzw. 43 Lieder ihrer eigenen Alben), berücksichtigt man auch noch die Lieder, die sie nur getextet hat, kommt man sogar auf 61 (bzw. 59) Lieder, das ist ungefähr die Hälfte der Lieder aller eigenen Alben!

    Im Grunde könnte man also mehrere Rangfolgen ihrer Lieder aufstellen.

    Bobbys Brother hat wieder einmal ein interessantes, wenn auch kurzes youtube-Video herausgebracht: And the Winner is...ABBA!! | Voyage News . Hier berichtet er, dass ABBA 2022 den "Lifetime Achievement Award" bei den pop awards 2022 gewonnen hat.

    Dies ist natürlich immer erfreulich!

    Ich habe mal nachgesehen, was dahintersteckt: Es gibt tatsächlich eine Seite pop awards.com, auf der diverse Awards vergeben werden, und der Livetime Achievement Award ging tatsächlich an ABBA. (pop-awards.com ist wiederum eine Aktion der Zeitschrift pop-magazine (Seite pop-mag.com)
    Ermittelt werden die Gewinner laut dieser Homepage wie folgt:
    a) es gibt ein 50-tägiges öffentliches Voting, an dem sich alle Nutzer*innen der Seite pop-awards.com beteiligen könne.
    b) außerdem gibt es ein Voting von Experten (Musikjournalist*innen).
    Beide Votings werden dann mit je 50% gewichtet.

    Das klingt gar nicht übel - leider erinnert das ganze Prozedere an eine Papstwahl (welche Musikjournalist*innen als Experten fungieren, ist nicht veröffentlicht, und die Stimmenanteile beim öffentlichen Voting konnte ich auch nirgends entdecken), sodass wir hier nur das Ergebnis (es steigt weißer Rauch auf und wir hören "habemus Awardum") erfahren.

    Im Impressum der beiden Seiten steht als Verantwortlicher Marven Wagner aus Berlin.

    Ich als absoluter Pop-Musik-Laie kann leider überhaupt nicht einschätzen, wie bedeutsam diese Auszeichnungen sind (dass sie so wertvoll wie grammys sind, kann ich mir aber nicht so recht vorstellen).

    Sagt irgend jemand der Name Marven Wagner oder die Zeitschrift pop-magazine oder die Aktion pop-awards etwas?
    Wenn ja, könnte man sich ja richtig für so eine Auszeichnung, die ja vollauf verdient ist, freuen.

    Aber viele beschwören diesen tollen Text. Finde ich überhaupt nicht. ...

    Die eigentliche Bedeutung des Liedes erschließt sich m.E. nicht unmittelbar. Es erinnert mich fast an eine psychologische Studie

    in gewissem Sinn gibt es zwei Ebenen der Kommunikation:
    - Der Refrain beschreibt die Kommunikation der Protagonistin mit ihrem Ex-Partner
    - in den Strophen selbst beschreibt die Protagonistin ihren inneren Zustand und ihre Aufgewühltheit. Dazu kommt noch der innere Widerstreit zwischen ratio einerseits ("I know that this shouldn′t be a traumatic event") und Emotion andererseits ("but it is")."I feel so bad" - weil sie mit diesem Zwiespalt nicht fertig wird. Sie beobachtet ihren Sohn, weiß, dass er seinen Vater liebt, ist sich aber über ihre Gefühle gegenüber ihrem Ex-Partner nicht im Klaren.
    Dies alles führt dazu, dass dann ihre Worte an ihn so scheinbar inhaltslos sind. Sie mag nicht artikulieren (oder schafft es einfach nicht zu artikulieren), was in ihr vorgeht, und so ist alles, was sie am Ende sagen kann, eben nicht das, was sie eigentlich sagen möchte, sondern nur nur etwas, was ihr Ex-Partner mit Sicherheit wissen dürfte (ist Dan allein, macht er, was er will) oder mit Sicherheit nicht tun würde (Dan zu verärgern).
    Ich kann diese Wahl der scheinbar so nichtssagenden Worte sehr gut nachvollziehen - ich meine, man kann so etwas auch in realen Gesprächssituationen durchaus finden.

    Die zweite Strophe (wieder im inneren Monolog) wiederum macht klar, welche Energie es sie gekostet hat, ihrem Ex-Partner zu begegnen und dabei nicht zusammenzubrechen oder die Fassung zu verlieren.

    Soweit mein Versuch einer Textanalyse - ich hoffe, ich habe das ganze nicht überinterpretiert (was man natürlich auch nicht immer ausschließen kann) . man kann natürlich darüber streiten, ob ein Text, bei dem man möglicherweise so "um die Ecke denken" muss, wie ich es getan habe, ein "toller Text" ist. Aber als sinnvoll empfinde ich den Text sehr wohl.

    ... die 2 von Benny im November 21 genannten 'noch nicht fertiggestellten' Titel aus den Voyage-Aufnahmesessions ...

    Ja, diese beiden Titel würden mich am meisten interessieren - Es wurde ja gesagt, das Material sei gut, passe aber nicht ins Konzept von Voyage.
    Da bin ich schon ziemlich neugierig, was das - angesichts der ohnehin schon großen musikalischen und thematischen Vielfalt des Voyage-Albums - überhaupt sein könnte.
    Ist es etwa so ungewöhnlich, dass es nicht einmal ins Voyage-Album hineinpasst? Das kann ich mir zwar nicht so recht vorstellen, aber möglich ist ja alles. In diesem Fall wäre schon mit etwas völlig Unerwartetem zu rechnen, und das wäre schon richtig spannend.
    Aber es kann natürlich auch einfach nur sein, dass die Hinzunahme der beiden unveröffentlichten Titel in irgendeiner Form die "Balance" des Albums gestört hätte, dass also irgend ein Element musikalischer oder anderer Art einen zu starken Überhang haben würde.

    Aber ob so oder so - in jedem Fall wäre es, wenn die Titel nicht veröffentlicht werden sollten, doch wirklich schade um das schöne Material!

    Achtung: Das folgende Zitat bezieht sich auf einen Post vom 17.4.2020 - da ich erst jetzt auf diesen Thread gestoßen bin, zitiere ich erst jetzt (und hoffe, ich löse dadurch keine allzu große Verwirrung aus.



    ... Das besondere an TDBYC ist, dass hier die Wahrnehmung eines dramatischen Vorgangs umgedreht wird, indem nicht dieser Vorgang selbst beschrieben wird, sondern der Status quo, der zu diesem dramatischen Vorgang führte. Das Bemerkenswerte an TDBYC ist, das alles, was spannend und dramatisch ist, NICHT gesagt wird. Keine der dramatischen Veränderungen in der Psyche dieser einsamen Frau wird erwähnt oder beschrieben. Weder ihre Erkenntnis ihrer Einsamkeit, noch die neu gewonnene Ambivalenz zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Euphorie und Verzweiflung wird beschrieben. Keine. Nur der eingefahrene Alltag, der bis gestern so wichtig war und heute seine ganze Bedeutung verloren hat, wird besungen. aber alles dreht sich nur darum, was nicht gesagt wird. Eine ganz große Kunst der gesanglichen Interpretation und der geschriebenen Lyrik.

    Ja, das ist eine besondere Stärke dieses Songtexts, dass das, was geschehen ist ("as you came") eben nicht beschrieben ist, sondern der Fantasie der Hörer überlassen wird.

    In dieser Beziehung erinnert mich der Text an ein Gedicht von Joachim Ringelnatz mit dem Titel "An der harten Kante". Auch hier wird das Geschehene nicht beschrieben (mit Ausnahme einer Bemerkung am Schluss).
    Im Unterschied zu "The day before you came" (hier wird der "Status ante quem" beschrieben) enthält das Gedicht eine Schilderung des Zustandes "post quem" (also nach dem Ereignis):

    "Ein leerer Kinderwagen stand
    vor der steilen Felsenwand,
    als ich abends gewandert bin.
    War kein Kind darin.
    War auch kein Mensch dabei,
    kein Mensch in der kahlen Weite.
    Aber Bettchen lagen beiseite
    und im Wagen ein Pferdchen mit nur drei
    Holzbeinchen. -- Und ein verschlossener Brief.
    Weit sieht man vom Felsen dort über das Meer,
    das tosend unter mir tief
    in blendender Brandung zerschellte
    und wieder sich wälzte und wellte.
    Ein Schiff am Horizont. Woher?
    Wohin? War nicht zu sehen,
    und was kümmerte mich das.
    Ich fühlte nur, es war etwas
    Verzweifeltes geschehen."

    Es ist wohl ausgeschlossen, dass Björn dieses Gedicht kennt - es ist nämlich von 1933 (und wohl nie außerhalb Deutschlands veröffentlicht worden). Es dürfte also kaum als Vorbild hinsichtlich des Kunstgriffs, das Geschehene unausgesprochen zu lassen, gedient haben.

    Ich persönlich mag das Lied schon deshalb gern, weil es in gewissem Sinne ein Alleinstellungsmerkmal in den ABBA-Veröffentlichungen hat - es ist nämlich stilistisch meines Wissens das einzige, das sich musikalisch an den 1920-er-bis-30-er-Jahren orientiert (oder habe ich da etwas übersehen?), und somit (ohne ABBA-untypisch zu werden) wieder einmal die künstlerische Spannweite vergrößert.
    Noch eine Anmerkung zum Text: Irgendwo habe ich mal von irgendeinem bornierten Kritiker gelesen, mit diesem Lied werde der Kapitalismus verherrlicht (oder so ähnlich) - aber aus dem Text geht dies aber doch nun wirklich nicht hervor, eigentlich erinnert mich das Lied diesbezüglich eher an "Wenn ich einmal reich wär" vom Milchmann Tevje. Und diesem Lied ist meines Wissens noch von keinem Kapitalismusverherrlichung vorgeworfen worden.
    (Für beide Lieder bin ich der Meinung: Man wird ja wohl noch träumen dürfen ;) )

    Es ist zwar ein sehr alter Thread, dennoch glaube ich nicht, dass das Thema veraltet ist. Darum nun ein paar Bemerkungen zu "Head over Heels":

    Das Lied scheint sehr stark zu polarisieren, einige mögen es überhaupt nicht, andere wiederum halten es für eines der besten. Ich selbst finde die Melodie sehr schön, und im Text (ein Glück, dass man Texte heute einfach nachlesen kann!) steckt ziemlich viel Ironie, er thematisiert m.E. sehr schön die Neigung einiger, Trends hinterher zu hetzen (um bloß nichts zu verpassen), eigentlich im Grunde den Zeitgeist des "Immer schneller". Hinter diesem Lied steckt also auch eine "Message".
    Eine mir besonders auffallende Besonderheit hat das Lied auch: Während die meisten ABBA-Melodien chromatische Tonfolgen eher vermeiden und in der Regel diatonisch sind, hat "Head over Heels" einige Halbtonsprünge (z.B. bei "The kind of girl who likes fo follow a trend"), was ich als reizvoll empfinde, und was die stilistische Spannweite der ABBA-Titel erweitert.
    In den Kontext vom Album "The Visitor" ist Head over Heels m.E. sehr gut passend, denn der Titel schafft so eine Art "emotionales Kontergewicht" zur ansonsten eher "dunklen" Ausrichtung des Albums, damit das ganze nicht zu düster ausfällt.

    Insgesamt finde ich "Head over Heels" gelungen und sehr schön anzuhören (wenn es auch natürlich an die absoluten Spitzentitel nicht herankommt)