Gestern vor 110 Jahren kam eine der einflussreichsten und bedeutendsten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts zur Welt.
Sie war eine Ikone des Jazz und Blues, mit einer einzigartigen Weise der Interpretation, des Storytellings, würde man heute sagen.
Eigentlich war sie gar keine Blues-Sängerin, zumeist sang sie Standards, insbesondere Balladen, die von den Schattenseiten der Liebe handelten: Verlust, Trennung, unerfüllte Leidenschaft. Dabei klangen ihre Lieder immer wie zutiefst persönliche Bekenntnisse.
Ihr Einfluss ging (und geht) jedoch weit über das musikalische hinaus, sondern hatte stets gesellschaftspolitische Relevanz. Und sie war eine Ikone des afroamerikanischen Widerstands – und ist es bis heute.
Natürlich – ich spreche von Billie Holiday.
Bereits bei ihrer ersten Platte 1933 sang sie an der Seite des großen Benny Goodman und anderen weißen Musikern. Als sie 1938 als Sängerin für die weiße Band von Artie Shaw verpflichtet wurde, zwang sie der Rassismus, an Auftrittsorten Dienstboteneingänge und Lastenaufzüge zu benutzen, oder in anderen Hotels zu übernachten als die weißen Kollegen.
1939 sang sie das unsterbliche Strange Fruit, in dem die blutigen Leichen der schwarzen Lynchopfer wie seltsame Früchte von den Bäumen hängen. Sie zeigte damit Aufbegehren und Selbstbewusstsein, sang das Lied trotz Drohungen, und Strange Fruit wurde zum Urbild des Protestsongs und nebenbei ihre meistverkaufte Platte.
Textauszug Strange Fruit, übersetzt:
"Bäume im Süden tragen eine seltsame Frucht / Blut auf den Blättern und Blut an der Wurzel / Schwarze Körper schwingen in der südlichen Brise / Sonderbare Frucht hängt an den Pappeln."
1999 kürte die "Times" das Lied zum "Song des Jahrhunderts", wie kein anderes Lied Holidays verkörpert er Wut, Empörung und Anklage über einen Rassismus, dem sie selbst unaufhörlich ausgesetzt war.
Strange Fruit 1959
Ihre Ausdruckskraft ist einmalig, legendär, absolut unerreicht.
Sie sagte einmal: "Ich hasse es, ein Lied so zu singen, wie es auf dem Papier steht. Ich muss eine Melodie so ändern, dass sie zu mir passt."
Und genau das machte sie so besonders. Banale Songs formte sie zu ergreifenden Botschaften. machte sie sich zu eigen, dass man alle anderen Interpretationen vergaß.
Unerreicht ist ihre Fähigkeit mit ganz ganz wenigen, aber gezielten Tönen punktgenau die Essenz eines Songs herauszuarbeiten. Sie improvisierte mit ihrer Stimme wie mit einem Instrument, platzierte jedes einzelne Wort rhythmisch genial und gab ihnen durch die einzigartig ergreifende Ausdruckskraft ihrer Stimme Kraft und Gehalt.
Jedes Lied, das sie sang, wurde ein Klassiker, selbstkomponierte Songs wie "God Bless The Child" und "Don't Explain", Songs, denen sie ihren einzigartigen Stempel aufdrückte, wie "Lover Man", oder Lieder, die nur für sie geschrieben wurden.
Selbst am Ende ihrer Karriere, als es ihr gesundheitlich ziemlich schlecht ging, ihr Stimmumfang auf nur wenige Töne beschränkt war und ihr brüchiger Klang die Zuhörer beängstigte und erschütterte, entstand große Kunst, die sie noch lange überdauern wird und zugleich ein Spiegel ihres tragischen Lebens ist.
Einzigartig und unvergessen: Billie Holiday
God bless the child
Don't explain 1958
Fine and mellow 1957
Lover Man