Björn Interview in CH Wochenzeitung

  • Das Weltwoche-Gespräch (erschienen 4. Mai 2006)


    «Hier kommt der Intellekt ins Spiel»


    Serge Simonart


    Vielleicht kann man sich ein Leben ohne Beton und Jeans vorstellen, aber ohne Abba? Die schwedische Popgruppe bewegte sogar Hindus und Punker. Und tut es heute, 30 Jahre nach ihrem letzten Hit, mehr denn je. Wie habt ihr das gemacht, Björn Ulvaeus?


    Wer Abba damals live verpasst hat, hat keine Chance mehr, oder doch? Vor ein paar Jahren sollen Sie, Herr Ulvaeus, sogar das Angebot, für eine Milliarde Dollar wieder aufzutreten, ausgeschlagen haben. Oder ist das ein Mythos?
    Nein, das war ein ernsthaftes Angebot. Und wir haben es auch ernsthaft erwogen. Es hätte eine Tournee mit hundert Konzerten umfasst. Das war ein verlockendes Angebot, ich will nicht tun, als sei dem nicht so gewesen. Wir sind schon reich, aber so reich auch wieder nicht; und mit so viel Geld könnte man auch eine Menge Gutes tun. Ich sagte, wir überlegen uns, es für das Doppelte zu tun, doch das war natürlich ein Scherz. Wir hatten davor schon bei verschiedenen Meilensteinen nein gesagt: bei Live Aid, dem Millennium, bei «30 Jahre Abba» und so weiter. Ehrlich gesagt hassten wir es früher schon, auf Tournee zu gehen; und in unserem jetzigen Alter wäre der Schock zu gross für uns ? und unsere Fans. Agnetha und Anni-Frid sind Grossmütter. Sind die Leute wirklich scharf drauf, 60-jährige Abba-Musiker mit allerlei neuen Falten und Runzeln zu sehen? Ich weiss nicht...


    Und wie! Die Vorfreude beim Musical «Mamma Mia» ist fantastisch. Die Leute sind wie Kinder, die nicht erwarten können, dass eine neue Schachtel Süssigkeiten aufgemacht wird.
    Diese engen Silberanzüge wären jedenfalls nicht mehr dabei. Der eine war so eng, dass ich mich nicht einmal hinsetzen konnte.


    Ich hätte ein gutes Argument für eine Wiedervereinigung: In den vergangenen dreissig Jahren hat sich soundtechnisch eine Menge verändert. Abba sind sozusagen im Mittelalter auf Tour gewesen, da war das eine stressige Angelegenheit. Heute wäre das für Sie ein effizient organisierter Ausflug mit lauter 6-Sterne-Hotels.
    Glauben Sie mir, wir haben alle Argumente, die Ihnen einfallen könnten, schon zehnmal gedreht und gewendet. Es stimmt, dass der Sound besser wäre. Wir haben uns damals oft gar nicht gehört. Ich liess mir nur Bass und Schlagzeug auf den Monitor legen, damit ich wenigstens im Rhythmus blieb. Doch nicht einmal das war immer möglich. Vor allem Agnetha hat kein bisschen Interesse. Sie ist immer noch traumatisiert von damals, als unser Flugzeug beinahe abstürzte. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass unsere Sängerinnen junge Mütter waren und auf den Tourneen ihre kleinen Kinder fürchterlich vermissten. Uns sitzen auch zu viele schlechte Vibes in den Knochen: Massenhysterie, Stalker, Langeweile, Nervosität, Versagensängste, Streitereien. Ich erinnere mich an Auftritte im Regen, in Australien während eines Sturms: Da sind wir beinahe von einem Stromschlag getötet worden. Nein, nie wieder! Reden wir von etwas anderem ? ich spüre, wie sich in meinem Körper Stresssymptome bemerkbar machen.


    Ein inoffizielles Wiedervereinigungskonzert hat es ja gegeben: Sie sangen zusammen am Geburtstagsfest einer Freundin.
    Ja, aber das war etwas Privates. Görel Hanser wurde fünfzig, sie war lange Zeit unsere rechte Hand gewesen, eine reizende Frau, und für sie haben wir dann ein schwedisches Volkslied gesungen, keinen Abba-Song. Wir haben vorher kurz geprobt ? in der geräumigen Behindertentoilette. Benny scherzte: «Seht euch das an: Das Angebot von einer Milliarde Dollar lehnen wir ab, dafür proben wir dann in einem Klo!»


    Als Sie und Benny 1992 in Stockholm von Bono auf die Bühne gerufen wurden und 50000 U2-Fans «Dancing Queen» sangen, hat es Sie da nicht gejuckt? Das war ja nicht einmal Ihr Publikum.
    Das war fantastisch, doch. Ein unglaublicher Adrenalinstoss. Dies war der Moment, wo die Veränderungen in der Musikindustrie wirklich spürbar wurden: die technischen Möglichkeiten, Satellitenverbindungen, Drehbühnen, ein perfekter Sound... Aber die Euphorie verflog dann wieder. Ich bin übrigens nach wie vor erstaunt, wie viele Rocker Abba-Fans zu sein scheinen: U2, Kurt Cobain, die Foo Fighters, Elvis Costello, Oasis, Led Zeppelin, R.E.M., ja sogar Johnny Rotten von den Sex Pistols, und dabei war Punk doch der Inbegriff der Anti-Pop-Bewegung!


    Ich wurde gebeten, nicht über Ihre Eheprobleme mit Agnetha und nicht über Ihr Privatleben zu sprechen. Das ist schwierig, denn was steht im Zentrum des Musicals «Mamma Mia»? Eine Hochzeit! Und auch der Film «Muriel?s Wedding» ist ja voller Abba-Songs.
    Ich weiss, glauben Sie bloss nicht, dass uns die Ironie von all dem entgangen ist. Vor allem wenn man bedenkt, dass die ersten Ehen aller vier Abba-Mitglieder gescheitert sind. Es ist schon sehr merkwürdig, nachdem wir alle unsere eigenen Wege gegangen sind, jeden Tag mit dem «Kind» konfrontiert zu werden, das wir vor dreissig Jahren zusammen hatten. Ich habe vier Kinder, zwei von jeder Frau, und meine älteste Tochter, Linda, über die ich «Slipping Through My Fingers» geschrieben hatte, als sie sechs war und zum ersten Mal auf die richtige Schule ging, weg von Papa, hinaus in die unbewachte, böse Welt ? Linda also ist heute 33. Doch das Kind Abba stellt unser aller Leben nach wie vor in den Schatten. Ich bin übrigens froh, dass heute eine Hochzeit im Mittelpunkt des Musicals steht: Ursprünglich sollten die Songs von Tieren gesungen werden. Wirklich! Eine Giraffe, die «S.O.S.» singt? Ich hab das nicht kapiert. Am Anfang mochten Benny und ich die Idee eines Musicals, das auf unseren Songs beruht, ohnehin nicht. Doch dann sah ich mit meiner Frau und den Kindern in London das Musical «Grease» und konnte es mir vorstellen.


    Abba haben sich nie offiziell getrennt, aber 1981 machten Sie eine Pause, die nun seit einem Vierteljahrhundert andauert. Wann und warum wurde die Belastung zu gross?
    Uns wurde alles zu viel. Die Massenhysterie, die Belastung, die Paparazzi. Am schlimmsten war es, als Agnetha und ich uns scheiden liessen und Benny und Anni-Frid kurz danach heirateten. Für Agnetha und mich war das eine bittere Zeit. Gleichzeitig waren Benny und Anni-Frid so glücklich. Wenn innerhalb einer Gruppe, wo alle einander auf der Pelle sitzen, so verschiedene Stimmungen wie Bitterkeit und Euphorie nebeneinander stehen, dann gibt das Spannungen. Viele sagen, man könne das Auf und Ab meiner Ehe in meinen Songtexten verfolgen: «Where are those happy days... what happened to our love» («Wo sind die glücklichen Tage... was ist mit unserer Liebe passiert?»), heisst es etwa in «S.O.S.», aber so einfach ist das nicht. Es gibt einfach ab und zu eine Anspielung. Am Anfang von «The Name of the Game» geht es um die Therapeutin, zu der Agnetha und ich gingen, um unsere Ehe zu retten. Ich erinnere mich auch, dass die anderen drei Bandmitglieder sehr berührt waren, als ich ihnen den Text von «The Winner Takes It All» zeigte: «Tell me, does she kiss like I used to kiss you... does it feel the same, when she calls your name?» («Sag mir, küsst sie, wie ich dich küsste... empfindest du das Gleiche, wenn sie deinen Namen ruft?»). Da wurden einige Tränen vergossen, doch, doch. Und dann diese Stalker... Agnetha hielt das nicht aus, es kam ihr vor, als zwängen die Leute sie, wie eine Einsiedlerin zu leben. Das wurde dann aber furchtbar aufgebauscht. Agnetha ist nicht so exzentrisch, wie oft gesagt wird. Benny und ich hatten zudem einen Punkt erreicht, wo wir das Gefühl hatten, alles gesagt zu haben. Wir wollten uns nicht wiederholen.


    Noch ein heisses Eisen, das ich nicht unerwähnt lassen will: Wenn etwas aus dem Abba-Umfeld einen guten Stoff für ein Theaterstück oder ein Musical abgäbe, dann doch das Leben von Anni-Frid alias Frida ? oder nicht?
    Stimmt. Von uns vieren hatte sie das dramatischste Leben. Als ich hörte, im Musical «Mamma Mia» gehe es um eine junge Frau, die nicht weiss, wer von den drei Ehemaligen ihrer Mutter ihr wirklicher Vater ist, habe ich leer geschluckt. Ich rief Anni-Frid an, um sie zu beruhigen. Sie werden verstehen, dass ich darüber nicht viel sagen will und dass ich nicht für Anni-Frid sprechen kann. Aber es stimmt schon: Ihr Leben ist die klassische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte. Zuerst schien es, als sei sie eine Waise. Dann stellte sich heraus, dass sie ein Produkt des Lebensborn-Programms war. [Als die Nazis Schweden besetzten, versuchten sie mit ausgewählten Schwedinnen und Nazi-Offizieren perfekte Arier oder zumindest bessere Schweden zu «züchten».] Ihr deutscher Vater wurde aufgespürt, und es fand eine unbehagliche Familienzusammenführung statt. Dann starb Anni-Frids Tochter bei einem Verkehrsunfall. Danach heiratete sie einen deutschen Fürsten, der wiederum an Krebs starb. Vom Waisenkind zur Fürstin. Ich habe nie daran gedacht, aber jetzt, wo Sie?s sagen, kann ich mir die Szenen und Cliffhanger schon vorstellen. Vielleicht gibt es dieses Stück in hundert Jahren, wenn alle Beteiligten nicht mehr da sind. Aber jetzt wäre das alles noch viel zu heikel.


    Ironischerweise war Anni-Frid, die «Arierin» der Gruppe, nicht die Blondine der Band, sondern die Rothaarige.
    Ja, ja. ? Aber was halten Sie denn nun vom Musical «Mamma Mia»?


    Ich finde, es ist gute Unterhaltung, besonders für Frauen und Schwule. Ich habe aber ein Problem mit der Übersetzung und der Adaption. Die neuen Arrangements zeigen vor allem, wie perfekt die Originalversionen Ihrer Songs waren.
    Dazu ist anzumerken, dass der musikalische Leiter unsere originalen Mehrspurbänder ausgeliehen bekam und im Wesentlichen die gleichen Arrangements benutzt hat. Natürlich liessen sich manche Veränderungen nicht vermeiden: Sie können im Orchestergraben keinen Flügel aufstellen, sondern müssen sich mit einem Synthesizer behelfen. Apropos: Das hören Sie unserem Sound nicht an, weil Benny und ich sehr subtil vorgegangen sind, aber wir waren die Ersten, die mit Synthesizern arbeiteten! Und was die Übersetzung betrifft: Ich habe Songs von uns schon auf Hindi und Japanisch gehört, auch das klang gut.


    Das tönt jetzt furchtbar prätentiös, aber ich muss es trotzdem sagen: Manchmal denke ich, ich bin zu intelligent, um gute Songs zu schreiben. Nie könnte ich ein Wort wie «Chiquitita» verwenden, dabei muss ich zugeben, es funktioniert.
    Ich weiss, was Sie meinen. Wir sind natürlich doofe Schweden, aber wir wissen, was wir tun. Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass Instinkt mindestens so wichtig ist wie Intelligenz. Sie müssen tun, was der Song von Ihnen verlangt. Das «Aha» im Refrain von «Knowing Me, Knowing You» ist nur da, weil wir etwas Zweisilbiges brauchten. Ohne das «Aha» würde etwas fehlen, und ein richtiges Wort hätte von der in sich geschlossenen Aussage «Knowing me, knowing you» abgelenkt. Meiner Meinung nach ist die Melodie das A und O. Wir sind immer von der Melodie ausgegangen. Wir summten oder sangen sinnlose Wörter, dann nahm ich die Aufnahmen mit der Begleitmusik nach Hause. Erst danach suchte ich ein Thema, die Idee für eine Geschichte, und nach Wörtern, die zur Melodie passten. Wenn ich mich recht erinnere, dann haben wir nie gedacht: «Dancing Queen... ein Song über ein Party-Girl. Jetzt brauchen wir nur noch eine gute Melodie, und dann haben wir?s.» Es war immer umgekehrt. Auch der Klang der Wörter war von grösster Bedeutung. Im Fall von «Take a Chance On Me» passte das Staccato der einsilbigen Wörter perfekt zum Rhythmus der bereits komponierten Musik. Aber wo liegt denn Ihr Problem mit «Chiquitita»?


    Äh... ich finde, es klingt einfach doof. Ausserdem denke ich dabei natürlich an Bananen.
    Die Bananen heissen Chiquita. «Chiquitita» heisst «süsses kleines Mädchen». Der Junge in der Geschichte empfindet sich als Beschützer, darum brauchte ich einen Kosenamen. Als «Chiquitita» in ganz Südamerika ein Hit wurde, wusste ich: Wir haben wirklich einen Draht zu den Leuten, unsere Musik kennt keine Landesgrenzen. Ich glaube nicht, dass eine chilenische Gruppe so leicht einen Hit in Schweden landen könnte. Der Arbeitstitel hiess übrigens «In the Arms of Rosalita».


    Das fasziniert mich: Mit diesem Titel wäre das Lied nie auf Platz eins gekommen. Oft zeigt sich, dass die Dinge nicht simpel genug sein können.
    Der Arbeitstitel von «Dancing Queen» war «Boogaloo». Zu diesem Zeitpunkt hatte das Stück eher was von einer funkigen Jamsession. Unser Ausgangspunkt war der poppige Soul schwarzer amerikanischer Musiker von damals, von Leuten wie George McCrae, der mit «Rock Your Baby» einen Hit gehabt hatte. Der Jam war ein bisschen langsamer als die endgültige Version, und es gelang uns nicht, ihn zu einem guten Abschluss zu bringen. Bei «Dancing Queen» haben wir wirklich bis zum Schlussmix an der Wirkung herumgetüftelt. Die endgültige Version war zehnmal dichter und konziser als die erste. Das ist oft sehr schwierig: zur Sache zu kommen, ohne dass es übereilt wirkt. Ich erinnere mich auch, dass wir unzählige Fassungen von «The Winner Takes It All» gemacht haben, inklusive drei Schlussmixe, von denen uns jeder zuerst gut vorkam. Doch eine Version war zu langsam, die andere zu steif... oft ist es rätselhaft. Es ärgert mich, wenn die Leute von Abba als einer Hit-Fabrik sprechen. Als hätten wir am Fliessband produziert. Wir haben verdammt hart gearbeitet! Und unsere Songs waren nie so simpel, wie sie schienen.


    Immer mal wieder frage ich mich, was die Wörter «Mamma Mia» im gleichnamigen Song zu suchen haben: Schliesslich spielt er nicht in Italien und handelt nicht von einer Mutter. Lässt man aber die beiden Wörter weg, verliert der Song seine Stärke.
    Stimmt. Auch hier war der Rhythmus das Entscheidende: Wenn «da-da dada» der Hook, also die Phrase mit dem grössten Ohrwurmpotenzial, ist, dann musst du da den Titel platzieren: da-da dada... «Mamma Mia». Hier kommt der Intellekt ins Spiel: wenn man für einen Song eine möglichst wirkungsvolle Struktur schaffen soll. Oft hatten Benny und ich das Gefühl, eine perfekte Melodie für einen Song zu haben, doch als die Frauen im Studio sangen, funktionierte er nicht. Da hiess es: noch mal von vorn anfangen.


    Sie haben mit Benny Andersson zusammen 25 Nummer-eins-Hits geschrieben. Stellen Sie sich mal vor: Wenn es ihn nicht gegeben hätte, mit wem hätten Sie gern zusammengearbeitet?
    Als Erster fällt mir natürlich Brian Wilson ein, aber das ist nicht realistisch, schliesslich ist der Mann ein Einzelgänger, keiner, der in einem Team arbeitet. Randy Newman? Nein, der braucht mich nicht, der schreibt selbst brillante Songtexte.


    Die Abba-Songs verströmen eine Unschuld, wie man sie heute kaum noch findet. Hatte diese charmante Naivität etwas mit Ihren Persönlichkeiten zu tun, war das der Zeitgeist, oder haben Sie sich gesagt: Sentiment verkauft sich?
    Mein erster Reflex ist, zu sagen: der Zeitgeist. Aber so unschuldig ging es damals gar nicht zu. Wir waren ja nicht zwei Dörfler, die im Mittelalter in einem fernen Walde musizierten. In Vietnam war Krieg, Watergate war gerade aufgeflogen, es gab Terroristen, Atomenergie und so weiter.


    Na ja, ich komme gerade aus Brüssel. Ich lande in Stockholm, und sofort ist klar: weniger Stress, mehr Licht, mehr Luft, Gelassenheit und freundliche Schweden. Die Lebensqualität und die Einstellung scheinen hier durchaus anders zu sein.
    Mag sein. Im Rückblick glaube ich schon, es hat geholfen, dass wir blauäugige, naive, dumme Schweden waren. Wir arbeiteten auf unserem eigenen Spielplatz, unserem eigenen kleinen Territorium, in unserem eigenen Tempo. Man arbeitet wohl anders in einer stressigen Umgebung wie New York, wo der Druck, es zu schaffen, jeden Tag rund um die Uhr spürbar ist.


    Sie schrieben: «Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)». Das ist ein «booty call» avant la lettre, als man von Aids noch keine Ahnung hatte. Zehn Jahre später hätte ein Lied über eine Frau, die mit einem Fremden einen One-Night-Stand verbringt, einiges Stirnrunzeln erzeugt.
    Das glaube ich auch, vor allem wenn Sie bedenken, dass es in der Hitparade sehr viel zimperlicher zugeht als im Kino oder in der modernen Kunst. Ich muss übrigens gestehen, «Gimme! Gimme!» ist der einzige Song, bei dem ich mich heute frage: Um Himmels willen, was hast du dir damals dabei gedacht, einen Song über eine einsame, sexhungrige Frau zu schreiben? Ich muss da wirklich eine Menge Einfühlungsvermögen entwickelt haben, denn ich war nie eine Drag Queen. Das gefällt mir in der «Mamma Mia»-Show: Da besingt die ältere Frau mit diesem Song den jüngeren Mann, der sie angemacht hat. Die Rollen sind vertauscht. Übrigens, was ist denn ein «booty call»?


    «Booty call» ist afroamerikanischer Street-Talk und kommt in einem Song von Destiny?s Child vor. Gemeint ist, dass eine moderne Frau, die plötzlich Lust auf Sex hat, einen willigen Freund anruft, der es ihr besorgt, wie sie es mag, aber nicht bei ihr übernachten darf.
    Oh, das gilt wohl als Fortschritt oder wie? Und was soll das mit «Gimme!» zu tun haben?


    Sie haben das als Erster gemacht. Der Song von Destiny?s Child ist sozusagen ein Neuaufguss Ihres Lieds.
    Ich habe immer schon gewusst, dass ich meiner Zeit voraus war.


    Ein Song, bei dem ich mich oft gefragt habe, was dahintersteckt, ist «Does Your Mother Know?», die Geschichte eines erwachsenen Manns, der eine Beziehung zu einem jungen Mädchen hat. War Nabokovs Roman «Lolita» die Inspiration dazu wie für den Police-Song «Don?t Stand So Close To Me»?
    Sting, das wäre ein sehr interessanter Partner, um Songs zu schreiben! Man könnte sagen, der hat nach uns die Spitzenposition in den Hitparaden übernommen: Als wir langsam aus dem Rampenlicht verschwanden, begann die Karriere von Police. Nein, «Does Your Mother Know?» hat nichts mit «Lolita» zu tun. Und auch nichts mit Groupies.


    «Money, Money, Money» war der Ruf einer Frau, die es aufs Geld abgesehen hat, einer opportunistischen Materialistin, die singt: «If I got me a wealthy man, I wouldn?t have to work at all» («Könnte ich mir einen reichen Mann angeln, bräuchte ich nicht zu arbeiten»). Keine Angst, dass Männer, die es nur aufs Geld abgesehen haben, sich an Ihre Töchter heranmachen könnten?
    Doch, das hat mir grosse Sorgen gemacht. Und ich glaube oder hoffe, einen sechsten Sinn für hinterlistige, nichtsnutzige Männer entwickelt zu haben. Seit Sie hier sind, hat mein innerer Detektor jedenfalls nicht aufgehört, wie verrückt zu piepsen...


    Was halten Sie von der Madonna-Single «Hung Up», auf der ein Abba-Sample verwendet wird?
    Ich finde es schon erstaunlich, dass ein junger Amerikaner eine seiner Ideen so mit etwas Bestehendem verquicken kann, dass die Kombination perfekte Popmusik ergibt. Aber Ihrem Gesicht nach zu schliessen, können Sie den Song nicht leiden. Warum?


    Ich finde ihn zu simpel und banal. Aber ich verstehe natürlich, dass, wer an diesem Unternehmen ganz nett verdienen kann, ohne etwas dafür tun zu müssen, die Sache etwas anders sieht.
    Wir haben das nicht des Geldes wegen gemacht. Allerdings war uns schon bewusst, dass nicht nur drei Platten verkauft werden, wenn der Name Madonna draufsteht. Wir haben schon viele Anfragen für Samples abgelehnt. Madonnas Produzent hat uns einfach überzeugt. Im Übrigen werden wir am «Mamma Mia»-Musical mehr verdienen als an Abba. Das ist sehr merkwürdig, aber angenehm. Ich kann mich erinnern, wann ich zum ersten Mal gedacht habe: «Unsere Musik wird weiterleben, auch wenn wir nie mehr ein Instrument anrühren.» Das war, als ich in einem Lift stand und eine Muzak-Version von «I Have a Dream» hörte. Das löste ein merkwürdiges Durcheinander widersprüchlicher Gefühle in mir aus. Dies war unsere Musik, und gleichzeitig war sie?s nicht. Es klang fürchterlich, aber das Wissen, dass wir daran verdienen würden, dämpfte die Verärgerung. Seither ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht gemischte Gefühle gehabt habe, was das Erbe von Abba betrifft.


    Was ist das seltsamste Echo Ihrer Musik, das Sie je gehört haben?
    Das muss die Szene aus dem Film «The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert» sein. [Darin hat der von Guy Pearce gespielte Transvestit Felicia eine Abba-Obsession und beschafft sich aus einem Hotelzimmer ein Stück Kot, von dem er überzeugt ist, er stamme von Agnetha.] Was hat sich dieser Drehbuchautor bloss gedacht? Und dann hat mir mal ein Freund erzählt, er sei in Kenia auf Safari gewesen, habe die Stille der Natur genossen ? bis die zerrissen worden sei von einem Fetzen «Dancing Queen» aus einem vorbeifahrenden Jeep. Abba im Dschungel! Oder die Coverversion von «Gimme! Gimme! Gimme!» von... wie heissen sie noch... so Rockmusikern in Lederkleidung, und eine ihrer Nummern war, dass eine Frau einen umgekehrten Striptease machte: Zuerst war sie nackt und am Schluss bekleidet. Sehr bizarr.


    Was fällt Ihnen auf, wenn Sie die heutigen Hitparaden anschauen?
    Dass heute mehr Künstlerinnen und Künstler nach dem «My Way»-Prinzip verfahren, also, wie Frank Sinatra, andere Leute Songs schreiben lassen. Mir fällt auch auf, wie wenig Songwriter echte Arbeitstiere sind. Die geben sich so schnell zufrieden, denen reicht schon eine einzige gute Idee. Wir waren erst zufrieden, wenn alles gut war, jede gottverdammte Note am richtigen Platz! Unsere besten Songs haben eine unwiderstehliche Melodie, einen guten Hook oder Riff, einen eingängigen Titel, einen Text, den man mitsingen kann, ein vertrautes oder interessantes Thema, eine perfekte Einleitung und einen passenden Ausklang. Lässt man eines dieser Elemente weg, haben Sie immer noch einen guten Song, aber keinen Klassiker.


    Vor dem Erbe von Abba gibt es kein Entrinnen. Wann haben Sie zum letzten Mal wenigstens einen Moment lang nicht denken müssen: «Ich bin Björn von Abba»?
    Oh, solche Momente gibt es immer wieder, sogar jetzt während unseres Gesprächs.

  • Ja, einige antworten waren noch amüsant zu lesen. Interessant fand ich die Aussage zu den Tourneen bezüglich Tonqualität.


    Schade ist jedoch, dass der Interviewer zu viele detailierte Fragen zu einzelnen Songs stellte - es wäre doch für nicht Abba-Insider interessant zu erfahren gewesen, dass Benni und Björn mit Christina ein "hochstehendes" Musical geschrieben haben. Im Interview werden Björn und Benni "nur" als grosse Popkünstler dargestellt.

  • Danke für den Beitrag, Benjamin. Es ist immer interessant, Informationen aus erster Hand zu lesen. In vielen Passagen kann man sehr gut die Arbeitsweise von Björn und Benny bei der Entstehung der Songs nachvollziehen. Bemerkenswert finde ich Björn Aussage:
    ?Mir fällt auch auf, wie wenig Songwriter echte Arbeitstiere sind. Die geben sich so schnell zufrieden, denen reicht schon eine einzige gute Idee. Wir waren erst zufrieden, wenn alles gut war, jede gottverdammte Note am richtigen Platz! Unsere besten Songs haben eine unwiderstehliche Melodie, einen guten Hook oder Riff, einen eingängigen Titel, einen Text, den man mitsingen kann, ein vertrautes oder interessantes Thema, eine perfekte Einleitung und einen passenden Ausklang. Lässt man eines dieser Elemente weg, haben Sie immer noch einen guten Song, aber keinen Klassiker.?
    Das sind wohl genau die Dinge, die das Herausragende der Musik von ABBA ausmachen.
    Peter

  • Danke, lieber Benjamin!


    Die wesentlichen Aussagen scheinen für die meißten Rezipienten nebensächlich zu sein: B. Ulveaus wiederholte auch hier ( wie in
    einem SZ- Interview) , warum ABBA ein temporäres Projekt war und
    betonte, daß das Privatleben neben dem Recht auf Diskretion eben-
    so Geschichte sei. Die einzigen, die nicht mehr in der Vergangenheit
    leben, ist die ehemalige Band selbst. Der Rest ...sprich die Fans
    betreiben Personenkult mit exponentiellem Wachstum und machen
    sich ernsthaft einen Kopf darüber, warum eine seit 30 Jahren tote
    Ehe nicht reanimiert wurde oder warum z.T, 60 - Jährige nicht mehr
    die Erwartungen der Fans befriedigen könnten und sich ihren nunmehr
    vor 24 Jahren beschlossenen Abgang in Würde bewahren wollen.


    Ich glaube, daß kein ABBA- Fan seine gescheiterten Beziehungen
    oder persönlichen Probleme in der Öffentlichkeit breitgetreten wissen
    wollte. Ebensowenig irgendwelche Liebschaften.


    Dieses Interview hat eher musikwissenschaftlichen Wert und Ulveaus
    tut gut daran, ABBA Vergangenheit sein zu lassen und in der Gegen-
    wart zu leben.


    Das wünsche ich der "Mit wem knutscht Aggy und hat sie noch Kontakt
    zu Björn " - Fraktion ebenso.

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